Schöne neue KZU-Welt 2.0 – Alles wird gut!
Das Perlentauchen 12.0 macht Mut für die Zukunft.
Elektroautos, Horrorgeschichten, Plündereien, Krieg und lange Bärte? Was stellen Sie sich vor? – Musk, Trump, Putin, Islamisten? Hab ich’s mir doch gedacht, dass Sie Ihre Vorstellungen fast nicht zügeln können. Mir geht es nicht anders. Für einmal aber ist es ganz anders: Die Protagonisten heissen u.a. Simon Dekker, Elli Lensu und Luna Sunda.
Vieles, was auf der Welt gerade läuft, will man sich nicht vorstellen, das Perlentauchen der KZU, den zum 12. mal ausgetragenen Galaanlass zu ausgezeichneten Maturitätsarbeiten, aber ganz gewiss. Im Gegensatz zu Maturfeiern, wo schön gewandete Menschen mit erleichterten Schultern um die Wette strahlen, ist das Perlentauchen die einzige und einzigartige Gelegenheit für Nicht-Gymilehrer*innen, in der geballten Dichte von rund 10 x 7 Minuten die Vorstellung zu schärfen, was junge Menschen alles auf die Reihe kriegen.
«Autorin» Elli Lensu, 6m, führt energisch und englisch ins Genre der Horrorgeschichten ein – nicht ohne mit Kostproben das Publikum am Gruseln teilhaben zu lassen. «Elektroingenieur» Simon Dekker, 6k, rockt die Bühne mit seinem mit Methanol und Sonnenenergie getankten Gokart, Marke Eigenbau. Der launige Ingenieur in Spe ist nicht nur ein begnadeter Tüftler – auch das Verkäufer-Gen schimmert bei seiner Präsentation durch. «Historikerin» Luna Sunda, 6c, entzaubert auf Englisch im besten Manchester-Akzent die Vorstellung der Wikinger als plündernde, bärtige Horden und zeigt auf, dass die stereotype Wahrnehmung der Wikinger bis heute nachklingt. «Jazzer» Manuel Rathgeb, 6a, ist der Faszination Bill Evans erlegen und komponiert in Anlehnung an dessen Stil ein eigenes Stück. Das fehlende Orchester für dessen Aufführung kompensiert er mit einer audiovisuellen Doppeleinspielung (auch das muss man erst mal hinkriegen!) – der Lead am Klavier ist dann aber Manuel in Echt (Video). Moderatorin und Prorektorin Andrea Emonds zeigt sich überrascht, den talentierten Maturanden gleich in Dreifachausführung erleben zu dürfen. Zweifachausführung gibt es auch bei den Erné Brüdern. Jeder für sich alleine ist aber schon eine Wucht. «Informatiker» Mattia, 6c, erklärt dem Publikum auf seine Weise, wieso die AI eigentlich fälschlicherweise Intelligenz genannt wird und «Komponist» Leandro, 6j, greift virtuos in die Tasten mit seinem eigenen Gospel «Take This Weight Off My Shoulders» (Video). Mit diesem Songtitel spricht er wohl viele an, die – erleichtert nach vielen Wochen intensiver Arbeit – die Maturitätsarbeit in trockenen Tüchern wissen. Gleichzeitig, so verrät mir eine anwesende Fünftklässlerin in der Pause, sei sie so fasziniert wie irritiert von dem, was jetzt auf sie zukommen würde. Die Latte sei hochgelegt. Mein Versuch, sie mit dem Hinweis zu beruhigen, dass wir hier von knapp 200 Maturand*innen eine Auswahl der interessantesten und attraktivsten Arbeiten von rund 10% (inklusive der Ausstellungen im Foyer) sehen würden, beruhigte sie allerdings wenig. Prorektorin und Maturarbeitsbetreuerin Sibylle Jüttner betonte denn auch mit Augenzwinkern, dass man völlig undemokratisch und kaum rekursfest – immerhin aber mit einer hochkarätigen Jury – die Auswahl getroffen hätte.
Wenn Sie diesen Bericht in Wort und Bild nun auf allen KZU-Kanälen lesen, dann verstossen der Autor (mea culpa!), aber wohl auch Sie (!) gegen die dringlichen Empfehlungen von «Soziologin» und «Lifestyle-Coach» Ann-Kathrin Arnet, 6c, die Finger vom Handy zu lassen – zumindest für eine Weile. Ihr Leben hat sich dramatisch verbessert, seit sie in einer Selbsterfahrungsstudie Verzicht gelernt hat. «Comedian» Thierry Bürgis, 6d, gibt Einblicke in seine Comedy-Show «Thierry, der Schüler», ein Novum für das Perlentauchen (Video). Er nimmt sich und sein mangelndes Englisch-Talent auf die Schippe. «Arrangeur» Dusan Kolarevic, 6h, hat ein serbisches Lied in ein Klavierarrangement transformiert – das volkstümliche Element ist in seiner Interpretation auf dem Flügel nach wie vor gut hörbar. Die Schulhaus-«Architektinnen» Elin Haderer und Anina Kluser, 6c, entzücken das Publikum zum Schluss mit einer Visualisierung der KZU 2.0 – einem modernen, luftigen, ökologischen, grosszügigen und stylischen Schulcampus für zukunftsgerichtetes Lernen. Das Publikum ist begeistert – und die Ernüchterung nach dem Ende des virtuellen Rundgangs ist angesichts der realen KZU-Schulbauten-Welt etwa so gross, wie wenn man nach einer herzzerreissenden Kino-Romanze in eine feuchte Spätwinternacht im nebligen Zürcher Unterland am Stadtrand von Bülach entlassen wird…
«Elektroingenieur»? «Architektin»? «Comedian»? – Ja, liebe Maturand*innen: Sie haben uns wahrlich etwas vorgestellt mit Ihren Vorstellungen. Sie haben das übergeordnete gymnasiale Ziel, die eigenen Vorstellungen zu schärfen vom dem, was die Welt in ihrem innersten Zusammenhält, erreicht – und wie! Wir im Publikum können uns Sie leibhaft vorstellen als begnadete «Autorin», als bekannten «Komponisten» oder als einflussreiche «Historikerin». Die «» können wir wohl in Bälde weglassen. Wir freuen uns auf die schöne neue KZU-2.0 Welt. Wir hoffen, sie wird anders werden als die «Brave New World», um den Bogen zum Anfang zu schlagen. Sie sind unsere Hoffnungsträger*innen. Bleiben Sie dran, wir zählen auf Sie!
Text, Fotos, Videos: Jost Rinderknecht
Manuel Rathgeb, 6a
Leandro Erné, 6j
Thierry Bürgis, 6d